Warum wir die Langeweile zurück brauchen – Im Gespräch mit Dr. Leon Windscheid

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Kategorie: Technologie

„Wir werden zugeschüttet mit Informationen, sind ständig verbunden und müssen funktionieren. Dafür ist unser Hirn nicht gemacht”, sagt der Psychologe und Autor Dr. Leon Windscheid. Er erklärt, warum wir immer noch wie Steinzeitmenschen ticken und Langeweile lebenswichtig ist.

Leon, hast du zu Hause einen Lichtschalter, der sprechen kann, oder eine Kaffeemaschine, die jeden Morgen um die gleiche Uhrzeit von alleine Kaffee kocht?

Nein. Und das ist eine sehr bewusste Entscheidung. Die Digitalisierung und das Internet der Dinge sind Selbstverständlichkeiten. Beides bietet viele Vorteile. Zum Beispiel in der Verkehrssteuerung oder im Gesundheitswesen. Aber unser Hirn wurde nicht dafür gemacht, ständig verbunden zu sein. Ein Lichtschalter, der zu Hause mit mir sprechen möchte, hält mich davon ab, abzuschalten – im Kopf.

Die zunehmende Digitalisierung bedeutet in vielen Arbeitsbereichen und Alltagssituationen eine Verschnellerung. Einige Arbeitsprozesse und die Kommunikation werden einfacher, Autos angeblich sicherer und Suchmaschinen beantworten uns sekundenschnell unsere Fragen. Verspricht uns das deiner Meinung nach eine rosige Zukunft?

Wir leben digitalisiert, technisiert und vor allem optimiert. Eine Herausforderung für unseren alten Denkapparat. Unser Hirn ist 300.000 Jahre alt. Kein Wunder, dass viele nicht mehr mitkommen. Menschen fühlen sich zunehmend überfordert, gestresst und ausgelaugt. Wir werden zugeschüttet mit Informationen, sind ständig verbunden und müssen funktionieren. Doch dafür wurde unser Hirn nicht gemacht. Wer mit der Digitalisierung mithalten möchte, darf nicht versuchen, ihr hinterherzurennen. Stattdessen müssen wir einen Schritt zurück im Hirn. Zurück zu Gedanken und Gefühlen, die jeder von uns kennt, die die Digitalisierung aber zunehmend verdrängt: Langeweile, Alleinsein, Unverbundenheit.

Warum ist Langeweile wichtig?

Langeweile erfüllt zwei Funktionen im Hirn. Sie macht kreativ. Wenn wir uns langweilen, fangen unsere Gedanken an zu wandern. Sie kommen so in Ecken im Kopf, die sie sonst nicht erreichen. Außerdem wirkt Langeweile wie ein Kompass. Schmerzen warnen uns, dass mit unserem Körper etwas nicht stimmt. Langeweile warnt uns, dass mit unserem Kopf etwas nicht stimmt. Wer sich langweilt, spürt, dass sich die Richtung ändern muss. Wir brauchen die Langeweile zurück. Dafür muss keiner das Smartphone wegwerfen. Denn das Schönste an Langeweile ist, dass sie von alleine kommt – und auch wieder geht. Wenn man ihr Platz lässt.

Du schreibst Bücher, absolvierst Auftritte als Speaker und sprichst in Talkshows. Hört sich nach einem ziemlich vollen Terminkalender an. Also, Hand aufs Herz: Wie oft hast du Langeweile?

Viel zu selten. Ich darf viel unterwegs sein und habe viel zu tun. Aber was einen stresst, was einen überfordert, das ist sehr individuell. Ich liebe, was ich tue. Ein absoluter Luxus, das weiß ich. Aber so fühlt es sich eben auch gut an, immer viel zu machen.

Du beschäftigst dich mit dem menschlichen Gehirn und sagst, dass uns die mittlerweile stark digitalisierte Welt überfordert. Unser Gehirn sei alt. Wie äußert sich das?

Uns unterscheidet erschreckend wenig vom Steinzeitmenschen. Seit 300.000 Jahren gibt es die Spezies Homo sapiens. Ötzi gehört genauso dazu wie DJ Ötzi. Während sich unser Hirn in dieser Zeit kaum verändert hat, ist die Welt eine vollkommen andere geworden. Die Natur hatte eine Idee, als sie uns das Hirn geschenkt hat. Die Idee passt nicht mehr zu der Welt, die wir Menschen mit unseren Hirnen erschaffen haben.

Warum ist Überforderung gefährlich?

Wir setzen die falschen Prioritäten. Alle wollen perfekt funktionieren, um von den Maschinen nicht abgehängt zu werden. Dabei sind es gerade unsere menschlichen Makel, die uns in Zukunft helfen werden. Kinder, die vorbereitet sein sollen auf eine Welt in 30 Jahren, müssen die Dimensionen von Intelligenz lernen, die Maschinen niemals beherrschen werden: Moral, Mitgefühl, Kreativität, Humor, Fantasie.

Was kann man tun, um der Überreizung zu entfliehen?

Ein Ansatz ist bewusstes Alleinsein. Psychotherapeuten raten dazu, in Abständen bewusst allein zu sein. Kinder, die permanent betreut und gefördert werden, lernen das nicht. Helikoptereltern sind deswegen Gift fürs Hirn. Vor allem aber merken wir beim Alleinsein, ob wir wirklich einsam sind. Nur wenn niemand da ist, merken wir, ob jemand fehlt. Wir sind nicht einsam, weil wir alleine sind. Wir sind einsam, wenn wir im Alleinsein scheitern.

Bei Günther Jauchs Show „Wer wird Millionär?“ hast du eine Million Euro gewonnen. Das schaffen nicht viele. Hilfreich war dabei dein Wissen über die menschliche Psychologie, oder?

Ja, aber vor allem Glück und ein guter Draht zu Jauch.

Du besitzt die MS Günther. Ein Partyschiff, das du in Holland gekauft und nach Günther Jauch benannt hast. Wieso ein Partyschiff?

Feiern und ausgelassen sein sind sicher gut für unsere Köpfe – solange es dabei nicht zu viel Alkohol gibt. Für mich ist das ein Moment, loszulassen. Das kann nur guttun in einer Zeit, in der viel zu viele Menschen versuchen, sich permanent selbst zu optimieren.

Was sind weitere Träume und Ziele?

Ich habe aufgehört, Pläne zu machen. Die gewonnene Million ist ein Riesenglück gewesen, weil sie mir Sicherheit gegeben hat. Vor allem aber hat sie mir gezeigt, dass man im Leben nicht alles planen kann.

Und noch mal zurück zum Hier und Jetzt: Du weißt, wie wir ticken, was im menschlichen Gehirn vorgeht. Warum ist es für jeden sinnvoll, sich mit Psychologie und seinen Gefühlen auseinanderzusetzen?

Burn-out, Depression und Stress sind Volkskrankheiten. Dagegen helfen sollen Meditation per App, Glücks-Coaching oder Gehirnjogging. Aber braucht unser Hirn solche Innovationen? Ich glaube, nein. Die Psychologie bietet zahlreiche Ansätze, die helfen. Gute Therapien wirken. Ein Drittel aller Deutschen erfüllt einmal im Jahr die Kriterien einer psychischen Störung. Helfen lässt sich aber nur ein Bruchteil. Das darf nicht so bleiben.

In deinen Vorträgen thematisierst du das „Geheimnis der Psyche“. Warum ist es dir ein Anliegen, darüber zu sprechen und zu schreiben?

Viele Menschen sind skeptisch gegenüber Psychologen. Dabei sitzt die größte Herausforderung unserer Zeit nördlich vom Hals. Alle haben verstanden, dass es wichtig ist, sich um den eigenen Körper zu kümmern. Wir achten auf Ernährung, machen Sport und gehen zum Arzt, wenn wir Rückenschmerzen haben. Um unser Hirn kümmern wir uns im Vergleich dazu viel zu wenig. Ich versuche, als Psychologe das Eis zu brechen und möglichst vielen Menschen einen Einstieg in das Thema zu bieten.

Nicht nur davon reden, sondern auch machen: Wie gönnst du deinem Gehirn eine Pause?

Joggen und Zug fahren. Beides mache ich sehr viel. Beides heißt für mich: Kopf aus und einfach nur geradeaus.

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